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Abschied: Michael Evers & Klaus-Peter Jung im Doppelinterview

Medieninformation | Volleyball Bundesliga | 03.06.2021

Abschied: Michael Evers & Klaus-Peter Jung im Doppelinterview

 

Die virtuelle Bundesligaversammlung am 4. Juni bringt für die Volleyball-Bundesliga (VBL) viele einschneidende Veränderungen. Neben einer neuen Strukturreform, die am 1. Juli in Kraft tritt, auch personelle: Michael Evers gibt das Amt als Präsident der VBL ab, Klaus-Peter Jung scheidet als Geschäftsführer aus Altersgründen aus. Seit 2006 war Michael Evers Vorsitzender der Deutschen Volleyball-Liga, seit 2014 führt er die VBL als Präsident an. Zuvor war er von 1996 bis 2001 Sprecher der Frauen-Bundesliga und dann fünf Jahre lang Vorsitzender des Ligaausschusses im Deutschen Volleyball-Verband. Evers bleibt als Manager des SSC Palmberg Schwerin im Liga-Geschäft aktiv. 25 Jahre für die VBL sind in jedem Fall eine Ära, die ihresgleichen sucht.


Michael Evers konzentriert sich auf Aufgaben beim SSC Palmberg Schwerin. | Foto: Robert Felgentreu

Klaus-Peter Jung wechselte 2013 als Manager der Roten Raben Vilsbiburg in das VBL-Center in Berlin, um den Posten als Geschäftsführer zu bekleiden. Hinter ihm lagen bereits acht Jahre als Vorstandsmitglied und Ligasprecher der 1. Bundesliga Frauen. Sein Ruhestand zum 30. Juni war lange geplant, dass er jetzt auch aus gesundheitlichen Gründen aufhören muss, dagegen nicht. Im Mai hat er eine Hirntumor-OP gut überstanden, seither ist er in einer Reha-Phase.


Klaus-Peter Jung geht nach acht Jahren als VBL-Geschäftsführer in den wohlverdienten Ruhestand. | Foto: Robert Felgentreu

 

Zum Abschluss ihrer Ära als Spitzen-Duo der VBL sprechen sie in einem Interview mit Klaus Wegener über die Herausforderungen und erinnern sich an die Anfänge des Liga-Verbandes.

 

Herr Evers, wie war das in den Anfangszeiten der VBL vor gut 15 Jahren?

Evers: Geschäftsführer Thorsten Endres hat als erster hauptamtlicher Mitarbeiter im Jahr 2006 ein Büro in der Paul-Heyse-Straße bezogen. Ganz allein in einem Hochhaus, ohne Telefon, ohne Infrastruktur und als ich das sah, dachte ich, oh Gott, was soll das werden. Heute sitzt das Center mit zwölf Mitarbeitern in einem hochmodernen Bürokomplex. Das ist eine beeindruckende Veränderung, die wir hinter uns haben. Die geht einher mit der Entwicklung der Vereine und den sportlichen Highlights. Die Austragung der Champions League-Endrunde in Berlin, die Pokalfinals in Bonn, Halle/Westfalen und jetzt Mannheim, das sind alles Events von höchster Qualität, an der die Liga mitgestaltet hat und damit auch Trendsetter gewesen ist.

Sind die Pokalfinals als ureigene Ligaveranstaltung hervorzuheben?

Evers: Auf jeden Fall. Ich sehe uns noch 2005 in Bonn beim ersten Pokalfinale in der Hardtberghalle sitzen mit großen Augen. Die Halle war zum Platzen gefüllt. Als wir im Folgejahr mit den Endspielen ins Gerry Weber Stadion nach Halle/Westfalen umgezogen sind, haben uns viele für verrückt erklärt. Aber zur Premiere kamen mehr als 11.000 Zuschauer. Das waren Gänsehautmomente und wir wurden für das Risiko belohnt.

Über viele Jahre haftete an der Bundesliga der Makel der fehlenden Professionalisierung. 

Jung: Vor 20 Jahren war Volleyball ein reiner Amateursport, betrieben und verwaltet von Amateuren. Was mit Gründung des Liga-Verbandes immer über allem stand, war die Entwicklung hin zur Professionalisierung. Diese Hauptaufgabe zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Liga und durch meine Amtszeit als Geschäftsführer.

Was waren die größten Herausforderungen?

Evers: Sicher der Masterplan 2013 und aktuell die Strukturreform. Der Masterplan war prägend und ich denke, die Strukturreform wird der VBL einen neuen Schub geben. Der Masterplan stieß von an Anfang an auf heftige Widerstände, weil die Vereine über die Belastung, auch in finanzieller Hinsicht, klagten.

Jung: Das war schon eine Mammutaufgabe. Aus den Klubs war zu hören, dass wir zu viel verlangt haben und sie das nicht leisten können. Heute ist vieles eine Selbstverständlichkeit. Die Etats haben sich deutlich erhöht, dadurch konnten sich die Vereine freier bewegen. Parallel sind wir den steinigen Weg gegangen, das Büro in Berlin immer weiter als Dienstleistungscenter auszubauen. Steinig, weil die Klubs die Vorfinanzierung leisten mussten. Mittlerweile profitieren sie davon. Es war die richtige Entscheidung, sonst wären wir immer noch Amateure.

Inwieweit helfen die sportlichen Events auf dem Weg zur Professionalisierung?

Jung: Das sind unsere Plattformen, um die Bundesliga zu präsentieren. Hier schaffen wir eine Sichtbarkeit und erzielen Reichweiten. Dadurch konnten wir vor drei Jahren erstmals einen Medienrechtevertrag abschließen. Kritiker werden sagen, das war spät. Ja, richtig, aber es war auch ein wichtiger Prozess, so weit zu kommen, dass wir vor allem unsere Werte nennenswert monetarisieren konnten. Und der Prozess ist noch nicht beendet.

Auf welchen Ebenen musste bei der Einführung des Masterplans die meiste Überzeugungsarbeit geleistet werden?

Evers: Die Vereine mussten erkennen, dass sie in das Produkt zu investieren haben. Nicht immer nur in die eigene Mannschaft, sondern in die gesamte Infrastruktur, in die Hallen, in die Geschäftsstellen, in das Liga-Center, in das Umfeld. Dadurch konnten sie Sponsoren Raum geben, sich zu präsentieren. So konnten sie den Spielen einen Eventcharakter geben. Bestes Beispiel sind doch die BR Volleys. Früher spielten sie in der altehrwürdigen Halle in der Sömmeringstraße auf engstem Raum, heute präsentieren sie sich in einer Arena, die ihresgleichen sucht. Sie sind Trendsetter in ganz Europa.

Stelian Moculescu, erfolgreichster Trainer in Deutschland, sprach immer gern von Schulsporthallen, wenn er die mangelnde Professionalisierung kritisierte.

Evers: Heute spielt keiner mehr in einer Schulturnhalle. Heute reden wir fast überall von modernen Arenen. Kleine Ausnahmen gibt es noch wie in Aachen, Straubing und beim Aufsteiger Neuwied. Aber alle anderen haben nachgezogen. Unsere Arena in Schwerin gibt es erst seit zehn Jahren und inzwischen planen wir einen Erweiterungsbau. Das ist eine schöne Folge der Entwicklung, die wir in den letzten Jahren gemacht haben.

Aber alle Vereine schaffen es nicht, da mitzuziehen. Sie haben drei aus der Frauen-Bundesliga erwähnt, bei den Männern gibt es auch Sorgenkinder wie die Netzhoppers oder Haching. Kann die VBL da Unterstützungshilfe geben?

Jung: Erst mal müssen wir differenzieren. Bei den Frauen kommen die Klubs fast überwiegend aus großen Städten bzw. Landeshauptstädten. Dort ist es einfacher zu überleben. Zudem konnten kleinere Standorte wie Vilsbiburg mitgenommen werden. Es war der richtige Schritt, die Vereine zu zwingen, neue Hallen zu bauen oder wenigstens umzuziehen. Damit gab es einen großen Schub. Bei den Männern haben wir weniger große Städte wie Berlin und Frankfurt, wo die Liga vertreten ist. Unterhaching ist aber nicht München, und dann reden wir noch über Bestensee. Da fällt eine Investition für einen Arena-Neubau von zehn bis zwanzig Millionen natürlich schwer.

Ohne die Investition in eine neue Infrastruktur geht es wirklich nicht?

Jung: Nein. Die Vereine werden sich nur entwickeln, wenn sie den Schritt wagen, in größere Hallen zu gehen. Sie brauchen eine Halle für mindestens zwei, drei Tausend Plätze, um sich auf allen Ebenen moderner und eventisiert darstellen zu können. Sonst werden sie nicht mithalten können und in der Folge nicht in der Liga existieren.

Ein klarer Appell zu mehr Mut. Herr Evers, Sie leben seit Jahren in der Doppelrolle als Liga- und Klubvertreter. War der Spagat schwierig?

Evers: Ich habe immer das Ziel verfolgt, der größte Ligaverband zu bleiben. Weil es besser ist, im Haifischbecken Sponsorensuche mit einer Stimme aufzutreten. So groß ist Volleyball nicht, als dass man mit mehreren Parteien wie Männerliga, Frauenliga und dann noch mit den zweiten Ligen getrennt aufzutauchen.

Sie wurden wiederholt kritisiert, zu oft die Schweriner Vereinsbrille zu tragen.

Evers: Das war immer mehr für Außenstehende ein Reibungspunkt, die geglaubt haben, Schwerin wird bevorzugt behandelt. Wenn Sie die Schweriner fragen, werden die sagen, gut, dass Du Dich jetzt endlich mal um uns kümmern kannst. Damit musste ich immer leben. Ich habe für die Männer gekämpft, um zwei Mal die Olympia-Qualifikation nach Deutschland zu holen und hätte das für die Frauen genauso getan, wenn wir eine echte sportliche Chance gehabt hätten.

Sie betonen, dass Männer und Frauen mit einer Stimme auf dem Markt auftauchen sollen. Aber künftig werden beide Ligen mit verschiedenen TV-Partnern in die Saison starten. Droht da eine Spaltung?

Evers: Ich hoffe nicht. Es ist völlig legitim, dass jede Partei ein eigenes Meinungsbild hat. Keiner weiß, welcher Weg der richtige ist, das wird man erst in drei, vier Jahren erkennen. Es ist wie in jeder Familie: Der interne Knatsch gehört in den inner circle, sonst wirst Du von außen her angreifbar. Nach außen hin sollte die Volleyball-Welt mit einer Stimme sprechen.

Gibt es Themen, wo Sie rückblickend sagen, das hätten wir oder ich besser machen können?

Evers: Die Suche nach einem Titelsponsor ist nicht abgeschlossen, sie verfolgt alle Bundesligen im Tagesgeschäft. Wir in Schwerin haben zehn Jahre auf Palmberg als Hauptsponsor gewartet. Wenn Kaweh Niroomand nicht Berlin Recycling gefunden hätte, würde es Volleyball in Berlin vielleicht nicht mehr geben. Ohne langen Atem geht das nicht. Natürlich gibt es immer Kritiker, die sagen „Hätte, hätte, hätte”.

Jung: Der Titelsponsor wird auch kommen, auch wenn wir beide nicht mehr daran beteiligt sind. Letztlich müssen wir auch selbstkritisch bleiben.

Weil?

Jung: Weil wir beim Masterplan lange Zeit übersehen haben, dass die Frauen-Bundesliga eine Sonderstellung hat. Wir sind immer den Weg gegangen, Männer und Frauen auf Augenhöhe zu sehen. Den muss die VBL auch weiter gehen, denn im Volleyball sind Frauen und Männer gleichwertig, das gibt es weder im Handball, Basketball, Fußball, noch in anderen Teamsportarten. Trotzdem ist Frauen-Volleyball als Frauen-Teamsportart die Nummer eins in Deutschland. Das war uns bewusst, aber wir haben es nicht zum Thema gemacht, sondern tun das erst seit einem Jahr.

In der Vergangenheit war immer wieder mal zu hören, die VBL stünde kurz vor einem Vertragsabschluss mit einem Partner.

Evers: Das war auch so, aber dann sollten sich die Konditionen ändern. Wir wollten aber nie die Liga verscherbeln, das war immer unser Kurs. Zu verschenken gibt es nichts. Wir sind in der VBL einen Weg gegangen, der noch nicht abgeschlossen ist, der aber der richtige ist. Über kurz oder lang wird er zum Ziel führen. Und wenn der erste Titelpartner eingestiegen ist, werden andere dazu kommen.

Corona wird der Entwicklung nicht förderlich gewesen sein. Bühl hat kapituliert, andere wackeln. Muss die VBL noch mit heftigen Folgeschäden rechnen?

Jung: Wir haben den Weg durch schnelles Handeln und klare Hygienekonzepte gut begleitet. Da war Volleyball Vorreiter, auch, weil wir mit den großen Ligen wie Handball, Basketball und Eishockey eine Feinabstimmung hinbekommen haben. Keiner hat den Kopf in den Sand gesteckt, sondern wir haben immer nach Lösungen gesucht. Den Abbruch der Saison 2020 haben wir nicht selbst verschuldet, vielmehr waren wir dazu gezwungen. Das tat unglaublich weh, dass wir immer noch ohne Zuschauer spielen, ist emotional und finanziell schwer zu verkraften. Die Schäden sind noch nicht absehbar. Auch in der kommenden Saison wird sich jeder neu finden müssen und schauen, welche Partner noch an Bord bleiben. Es wird aber auch neue geben, die, weil sie gut aufgestellt sind, sich weiter im Sport engagieren. Kommen die Fans nach der Pandemie auch wieder zurück, oder wie werden sie sich verhalten? Das sind noch spannende Fragen.

Haben Sie Wünsche oder Empfehlungen für Ihre Nachfolger?

Jung: Es ist alles bestens angerichtet. Im VBL-Center gibt es eine hochmotivierte Mitarbeitercrew. Die neue dreiköpfige Geschäftsleitung kann sich besser auf die einzelnen Bereiche konzentrieren. Das war in der Vergangenheit eine Mammutaufgabe, für mehr als 75 Vereinen alles zu beachten und ein gutes Händchen zu haben. Das ging nur mit einem gut funktionierenden Vorstand, der sich aus allen Ligen-Bereichen zusammensetzte, der aber ehrenamtlich tätig war. Da spielte der Zeitfaktor eine große Rolle. Mit der Strukturreform kann sich der VBL-Aufsichtsrat um die Strategie kümmern und festlegen, wohin soll die Reise gehen. Da wird das Hauptamt gestärkt. Entscheidend bleibt aber die Rolle der Vereine. Jeder einzelne Vereinsmanager muss Verantwortung übernehmen und sie müssen ins Handeln kommen. Es muss ein Flow mit Synergieeffekten entstehen. Dann haben alle was davon. Die Strukturreform wurde mit einer hohen Übereinstimmung realisiert. Das zeichnet die VBL eben immer wieder aus.

Welche Erinnerungen bleiben hängen nach Ihren so langen Amtszeiten?

Evers: Bei mir stehen die Pokalfinals ganz oben und auch das Champions League Final in Berlin. Die internationalen Veranstaltungen behalte ich in guter Erinnerung, auch, weil wir dort viel für die Liga und den eigenen Verein lernen konnten. Dazu die vielen persönlichen Freundschaften. Es ist ja kein Geheimnis, dass ich mit Thorsten Endres noch eng befreundet bin. Oder dass mich mit Klaus-Peter Jung und Wolfgang Söllner aus Dresden viel verbindet, obwohl wir auch immer Konkurrenten waren.

Jung: Mein Highlight ist, Geschäftsführer der VBL geworden zu sein. Als mich 2013 Wolfgang Söllner bei einer Tagung ansprach, ob ich nicht den Job übernehmen wollte, war meine Reaktion: Du spinnst. Damals war ich der „Fürst in Niederbayern” bei den Roten Raben, alles lief gut, wir hatten in der kleinen Stadt Vilsbiburg mit 11.500 Einwohnern den Bau einer Halle nur für Volleyball angeschoben, alles war bestens. Aber die Herausforderung, noch mehr für meinen Sport tun zu können, hat mich gereizt. Nach einem Familienrat beschlossen wir den Schritt nach Berlin zu gehen. Die acht Jahre waren gut, aber auch mit dem ein oder anderen Nackenschlag. Das gehört dazu. Aber ich konnte mein Know-how als Vereinsmanager der Basis einbringen, und daran arbeiten, dass sich Volleyball weiterentwickelt. Ich bin mir sicher, dass ich es gut hinbekommen habe und bin jetzt stolz, mit einem guten Gefühl auf die Zeit zurück blicken zu können.

Und auf was freuen Sie beide sich in der Zukunft?

Evers: … dass ich mich auf einer der schönsten Golfanlagen Deutschlands direkt vor der Haustür öfter sehen lassen kann. Beruflich darf ich noch ein bisschen arbeiten und habe auch noch Ziele. Zum einen den Umbau der Halle und dann den Bau eines Vereinsheims. Wenn das fertig ist, sind wir für die Zukunft gut aufgestellt und ich werde mich auch in Schwerin langsam vom Felde machen.

Jung: … dass ich mich Rentner nennen darf. Auch wenn der Einstieg nach einer gut verlaufenen Tumor-OP im Mai anders verläuft als geplant. Das Thema VBL ist für mich nun abgearbeitet und ich freue mich auf eine entspannte Rekonvaleszenz. Ich werde mit der Familie wieder nach Landshut ziehen und wir werden es uns da gut gehen lassen. Mit kurzen Wegen an den Chiemsee, über den Brenner, in die Toskana …

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